Risiko zu hoch
Der Kommentar
Obwohl erfahrene Bergführer abgeraten hatten, gingen einige Bergsteiger am zweiten Weihnachtsfeiertag bei gutem Wetter los, um den 2713 Meter hohen Watzmann zu besteigen. Er ist der höchste Berg, der vollständig auf deutschem Boden steht und wer schon einmal mit dem Boot über den Königssee gefahren ist, der hat bei St. Bartolomä die gewaltige Ostwand gesehen, die höchste Felswand der Ostalpen. Alpinistisch bereitet die knapp zwei Kilometer hohe Wand keine zu großen Schwierigkeiten und ist eine recht häufig gegangene Route.
Warum lassen dann jährlich ein bis zwei Menschen dort ihr Leben?
Es ist schlechtes Risikomanagement. Bei der Handhabung von Risiken steht das Erkennen an erster Stelle. In besagter Ostwand stellt die Orientierung eines der größten Probleme dar, es gibt keine klare Linienführung. Einmal zieht der richtige Routenverlauf scharf nach rechts. Viele Steigspuren ziehen dort aber geradeaus – "Verhauer vieler Ortsunkundiger" liest man in einem Bericht. Ein tschechischer Bergsteiger aus der Gruppe ist diese Weihnachten über eine Felskante in der Ostwand gestürzt. Mich hat sein Tod nachdenklich gemacht. Auch manches Unternehmen war 2007 in den Schlagzeilen, weil sich Mitarbeiter "verhauen" hatten – oder soll man besser sagen "verstiegen"? Auch dort fehlte das Risikomanagement.
Was man sich nämlich nicht immer klar macht: Risiko ist die Triebfeder vieler Unternehmungen. Ob es nun ums Bergsteigen oder um eine Unternehmensfusion geht. Es gibt praktisch keine Entscheidung ohne Risiko. Und manchmal ist gerade das Risiko der besondere Kick, die Suche nach Grenzen. Am Berg wie in der Wirtschaft, wie es scheint.
Korruption und andere Fehltritte, die mit Compliance nichts zu tun haben, waren 2007 zu häufig in den Medien. Durch Fehlentscheidungen halbierte Unternehmenswerte sind keine Ausnahme. Mehr Risikomanagement täte hier oft gut: Eine Risikobewertung, die der Gruppe am Watzmann den möglichen Schaden gezeigt haben würde, wurde wohl gar nicht bewußt durchgeführt. Winterbesteigung, Eisplatten, Geröll, schwierige Orientierung, frühe Dunkelheit: Prognose im schlimmsten Fall "kritisch ad vitam". Dieser schlimmste Fall trat für den Bergsteiger noch 2007 ein. Genauso, wie für eine ganze Reihe von Unternehmen, die auch von der Bildfläche verschwanden.
Das könnten doch gerade die Juristen vermeiden helfen: sie haben gelernt, mit kühlem Kopf Risiken zu sehen und zu bewerten. Jeder Vertragsentwurf ist geprägt von diesen beiden Aspekten, Erkennen und Bewerten. Und richtig reagieren müssen Juristen auch, ein Leben lang. Dazu gehört manchmal auch, eine Gefahr zu sehen und umzukehren oder wenigstens andere zu warnen. Das Management sollte seine Juristen in diesem Sinne öfters als vertrauenswürdige Bergführer begreifen.
Besser als mancher gierige Mitarbeiter, der den rechten Weg – von glitzernden Schneefeldern geblendet – verfehlt, können die Juristen die Risiken im Auge behalten. Die Erfahrung dazu haben sie, man muss ihnen nur das richtige Werkzeug geben. Und längst bietet die Softwarebranche solches an.
Nach Erkennen und Bewerten folgen die Maßnahmen. Es gibt präventive Maßnahmen (Seil und Haken mitnehmen, Wettervorhersage prüfen) und es gibt reaktive (Notruf absetzen). Die präventiven sind aber allemal die besseren. Ein Unternehmen muss ja nicht gleich sein Leben lassen und insolvent gehen‚ aber auch ein lädierter Ruf schmerzt und kostet Jahre der Behandlung. Risikomanagement, eine originäre Aufgabe zumindest auch der Rechtsabteilung, wenn Sie mich fragen!
Ich wünsche ein gutes Neues Jahr, immer einen klaren Blick und einen sicheren Tritt!
Ihr
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